Komposita: warum Deutsch für ein Bedeutungsspiel schwerer ist als Englisch
Contexto und Kontexto folgen derselben Idee, sind aber nicht gleich schwer. Der Grund ist etwas, das im Deutschen so normal ist, dass es uns kaum auffällt: Wir bauen neue Wörter, indem wir alte aneinanderhängen.
Englisch schreibt fire department, also zwei Wörter. Deutsch schreibt Feuerwehr, ein Wort. Für
uns Menschen ist das dasselbe. Für ein Modell, das jedes Wort als eigene Einheit behandelt, ist es
ein großer Unterschied. In diesem Artikel erklären wir, warum, und was du beim Spielen daraus
mitnehmen kannst.
Das Problem mit langen Wörtern
Ein klassisches Sprachmodell lernt für jede Wortform eine eigene Adresse auf der Bedeutungskarte.
Es sieht Feuerwehr in vielen Texten, merkt sich die Nachbarwörter und leitet daraus die Adresse
ab.
Bei häufigen Wörtern klappt das gut. Schwierig wird es bei den seltenen. Im Deutschen kann man fast
unbegrenzt neue Wörter zusammensetzen. Feuerwehrhauptmann, Feuerwehreinsatzleitung,
Feuerwehrschlauchtrommel: Das sind ganz normale deutsche Wörter. Trotzdem kommen sie in Texten so
selten vor, dass ein Modell kaum etwas über sie lernt. Oder sie kommen gar nicht vor, dann gibt es
sie für das Modell einfach nicht.
Im Englischen ist das Problem viel kleiner. Dort bestehen solche Begriffe meist aus getrennten Wörtern, die jedes für sich häufig sind.
Was fastText anders macht
fastText, das Modell hinter Kontexto, sieht ein Wort nicht nur als Ganzes. Es zerlegt es zusätzlich in kurze Buchstabenstücke. Fachleute nennen diese Stücke n-Gramme: Ausschnitte aus ein paar Buchstaben, die nebeneinanderstehen.
Aus strandkorb (intern wird alles kleingeschrieben) macht das Modell unter anderem die Stücke
str, tra, ran, and, ndk, dko, kor und orb, dazu längere und kürzere Varianten. Die
Adresse des Wortes setzt sich zusammen aus dem ganzen Wort und all diesen Stücken.
Das bringt zwei Vorteile. Erstens kann das Modell auch Wörtern eine Adresse geben, die es nie oder
kaum gesehen hat, solange es die Bestandteile kennt. Zweitens rücken verwandte Wörter von selbst
zusammen: Strandkorb, Strandbad und Sandstrand teilen das Stück stran und landen deshalb
näher beieinander.
Für eine Sprache wie Deutsch ist das genau richtig. Das ist der wichtigste Grund, warum Kontexto fastText nutzt und kein Modell, das nur ganze Wörter kennt.
Wo die Buchstaben in die Irre führen
Dieselbe Technik hat eine Schattenseite, und die merkst du beim Spielen.
Die Buchstabenstücke kennen keine Bedeutung. Sie kennen nur Buchstaben. Teilen zwei Wörter viele Buchstaben, haben aber inhaltlich nichts miteinander zu tun, rücken sie trotzdem ein Stück zusammen.
Im Deutschen gibt es viele solche Fälle:
WachstumundWachshaben die ersten fünf Buchstaben gemeinsam und sonst nichts.AuslandundAuslaufsehen sich sehr ähnlich, gehören aber in ganz andere Welten.Hochsteckt inHochzeit,Hochschule,HochwasserundHochdruck, und die haben untereinander kaum etwas zu tun.Verkehrundverkehrtsehen fast gleich aus und meinen etwas völlig anderes.
Für dich heißt das: Ein überraschend guter Rang zeigt nicht immer die richtige Bedeutung an.
Manchmal liegt er nur an den Buchstaben. Suchst du ein Wort rund ums Bauen und Wachstum landet im
Mittelfeld, ist das vielleicht kein Hinweis auf Pflanzen, sondern nur ein Zufall der Buchstaben.
So erkennst du den Unterschied
Es gibt einen einfachen Test. Bekommt ein Wort einen auffällig guten Rang, probier ein Wort mit derselben Bedeutung, aber ganz anderer Schreibweise.
Ein Beispiel: Fahrrad landet auf Rang 210. Liegt das an der Bedeutung oder an den Buchstaben? Gib
Velo oder Zweirad ein. Liegen die auch weit vorne, stimmt das Thema wirklich. Bleiben sie weit
hinten, während Fahrrad vorne liegt, hat vermutlich die Schreibweise geholfen und nicht der Inhalt.
Andersherum gilt auch: Schneidet ein Wort schlecht ab, das eigentlich passen müsste, schau, ob es ein sehr langes oder seltenes zusammengesetztes Wort ist. Je seltener ein Wort, desto mehr hängt seine Adresse an den Buchstabenstücken, und desto ungenauer ist sie.
Was du beim Spielen daraus machst
Daraus ergeben sich drei einfache Gewohnheiten:
Teil lange Wörter auf. Statt Fahrradreparaturset probier Fahrrad, Reparatur und
Werkzeug einzeln. Kurze, häufige Wörter haben verlässlichere Adressen, weil das Modell sie oft
gesehen hat.
Beurteile ein Thema nie nach einem einzigen langen Wort. Ein schlechter Rang für Gartenzaun
sagt wenig darüber, ob das geheime Wort mit Gärten zu tun hat. Schlechte Ränge für Garten,
Pflanze und Beet zusammen sagen dagegen sehr viel.
Wechsle die Wortart. Im Deutschen gibt es Wortfamilien wie Kälte, kalt, frieren und
Frost. Diese vier sehen unterschiedlich aus und stehen in unterschiedlichen Sätzen. Steckt eins
fest, springt oft ein anderes deutlich nach vorne. Wie du das ganz gezielt machst, steht in
Semantische Wortfelder.
Warum Deutsch hier grundsätzlich schwerer ist
Ein direkter Vergleich mit dem Englischen erklärt das ganze Problem.
Englisch bildet zusammengesetzte Begriffe meist aus mehreren Wörtern: kitchen table,
table tennis, water bottle. Für ein Modell sind das jeweils zwei bekannte Wörter. Deutsch
schreibt zusammen: Küchentisch, Tischtennis, Wasserflasche. Jede dieser Zusammensetzungen ist
ein eigenes Wort, das das Modell einzeln lernen müsste.
Und davon gibt es unendlich viele. Im Deutschen kann man aus zwei beliebigen Hauptwörtern ein
drittes bilden, und wir tun das ständig, ohne dass diese Wörter je in einem Wörterbuch landen.
Kaffeetassenrand versteht jeder, aber es steht in keinem Text oft genug, damit ein Modell es
sicher einordnen kann.
Genau dafür ist die Zerlegung in Buchstabenstücke gemacht. Im Deutschen ist sie keine nette Zugabe, sondern die Voraussetzung dafür, dass ein Bedeutungsspiel überhaupt funktioniert. Ohne sie wäre ein großer Teil aller Eingaben einfach unbekannt.
Was das für die Lösungswörter bedeutet
Aus einem ähnlichen Grund sind zusammengesetzte Wörter als Tageslösung schwierig. Das liegt hier nicht an der Technik, sondern an der Suche.
Ein zusammengesetztes geheimes Wort hat zwei Anker. Findest du bei Küchentisch das Thema Küche,
kommst du gut voran, aber nie ganz nach vorne, weil die Tisch-Hälfte fehlt. Findest du das Thema
Möbel, hast du dasselbe Problem andersherum. Beide Wege bleiben irgendwann stecken. Das fühlt sich
an wie ein falsches Thema, obwohl es das halbe richtige ist.
Für dich heißt das umgekehrt: Liegen zwei ganz verschiedene Themen beide ordentlich, zum Beispiel Küche bei 180 und Möbel bei 240, und keins davon wird besser, dann ist das ein starker Hinweis auf ein zusammengesetztes Wort aus genau diesen beiden Bereichen. Das kommt selten vor. Wenn es aber vorkommt, ist es ziemlich eindeutig.
Der Gegentest in der Praxis
Der Test, ob ein guter Rang von der Bedeutung oder von den Buchstaben kommt, lohnt sich als feste Gewohnheit. Er kostet dich nur einen Versuch.
Nimm dein gutes Wort und such eins, das dasselbe bedeutet, aber möglichst andere Buchstaben hat. Zu
Fahrrad etwa Velo oder Drahtesel, zu Auto etwa Wagen, zu Arzt etwa Mediziner. Liegt
das zweite Wort ähnlich gut, war der Treffer echt. Fällt es deutlich ab, lag der erste Rang an der
Schreibweise, und dieses Thema führt dich eher in eine Sackgasse.
Auch die Wortliste ist betroffen
Zusammengesetzte Wörter beeinflussen nicht nur die Ränge, sondern auch, welche Wörter Kontexto überhaupt kennt. Das Spiel nimmt 80.000 Wörter an. Diese Grenze ist so gewählt, dass gebräuchliche Zusammensetzungen hineinpassen. Trotzdem endet jede Liste irgendwo, und im Deutschen endet sie mitten in einer unendlichen Menge möglicher Wörter. Welche Wörter das betrifft, steht in Wörter, die Kontexto nicht kennt.
Als Lösungswort lassen wir zusammengesetzte Wörter übrigens nur bis 15 Buchstaben zu. Längere wären nicht mehr fair zu erraten, weil es zu viele mögliche Kombinationen gibt. Wie wir die Lösungen auswählen, beschreibt Wie das Lösungswort entsteht.